
Was uns im Innersten zu Leistung antreibt
Ein Gespräch mit Coach Jenny Ameta über Erfolg und innere Antreiber
„Du arbeitest mit Führungskräften, Teams und Leistungssportlern. Gibt es eine Dynamik, die dir besonders häufig begegnet?“
Ja. Oft wirken Menschen nach außen erfolgreich und erreichen Ziele, die objektiv beeindruckend sind. Gleichzeitig erleben sie innerlich oft eine Form von Anspannung und Belastung, die sie nicht mehr verarbeiten können. Und das liegt nicht nur in der Menge der zu lösenden Aufgaben, sondern auch in der psychologischen Bedeutung, die Leistung für diese Menschen bekommen hat.
„Was meinst du mit ‚psychologischer Bedeutung von Leistung‘?“
Leistung erfüllt für viele Menschen mehr als nur einen beruflichen Zweck. Sie kann Sicherheit vermitteln und steht für Werte wie z.B. Kontrolle, Anerkennung, Zugehörigkeit. Viele Menschen in Führung knüpfen ihren eigenen Wert fast nur noch an die Erreichung von Zielen oder funktionieren automatisch, wenn sie gebraucht werden.
Das bleibt oft lange unbemerkt, weil genau diese Muster gesellschaftlich belohnt werden. Hohe Leistungsbereitschaft wirkt erstmal positiv. Erst unter längerem Druck wird sichtbar, was sich im Inneren der Person abspielt.
„Woran merken Menschen, dass ihre Leistung zunehmend aus innerem Druck entsteht?“
Ehrlich gesagt, oft gar nicht. Viele funktionieren über Jahre sehr erfolgreich.
Irgendwann entsteht jedoch eine merkwürdige Dynamik: Ziele werden erreicht und erzeugen trotzdem kaum echte Ruhe. Der Kopf springt sofort weiter zum nächsten Thema. Fehler wirken ungewöhnlich lange nach. Kritik wird schnell persönlich genommen. Selbst freie Zeit fühlt sich innerlich nicht mehr wirklich frei an.
Von außen kann das häufig weiterhin nach Ehrgeiz aussehen. Unterbewusst ist jedoch ein Gedankenkonstrukt entstanden, das vom permanenten Gefühl ‚noch nicht genug‘ beherrscht wird.
„Das klingt nach einem schmalen Grat zwischen Motivation und Selbstüberforderung.“
Genau, und deshalb interessiert mich im Coaching auch immer die persönliche Dynamik hinter dem Verhalten der Person oder des Teams.
Zwei Menschen können äußerlich dasselbe tun und innerlich aus völlig unterschiedlichen Gründen handeln. Der eine gestaltet aus echter Überzeugung und Sinn. Der andere versucht möglicherweise unbewusst, die eigene innere Unsicherheit über Kontrolle zu regulieren. Von außen mag beides ähnlich zu ähnlichen Entschlüssen führen. Für das eigene Nervensystem macht es allerdings einen enormen Unterschied, ob ich aktiv gestalte oder unterbewusst ‚gestaltet werde‘.
„Welche Rolle spielen dabei innere Antreiber?“
Das Verhalten vieler Menschen wird von inneren Antreibern geprägt, die über Jahre sehr hilfreich waren. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass hoher Anspruch, Verantwortungsgefühl, Kontrolle oder Perfektionismus enorme Kräfte freisetzen können.
Das Problem entsteht meist nicht durch den Antreiber selbst. Schwieriger wird es dort, wo Menschen keinen bewussten Zugang mehr zu ihrer inneren Dynamik haben. Dann steuert der Antreiber unbewusst einen Großteil des Verhaltens.
Im Coaching schauen wir deshalb zuerst auf die offensichtlichen Herausforderungen und nähern uns dann Schritt-für-Schritt der Frage: Was versucht die Person unterbewusst über dieses Verhalten abzusichern?
„Wie arbeitest du konkret mit solchen Themen?“
Zunächst einmal über Bewusstheit und Differenzierung. Viele Menschen hängen sich unter Druck an immer wieder gleichen Gedanken auf und können sie nicht mehr steuern. Sie fühlen nur noch Anspannung und/oder das Bedürfnis, weiter funktionieren zu müssen. Im Coaching schaffen wir häufig zum ersten Mal wieder einen Raum, die eigene innere Dynamik präziser wahrzunehmen:
Was genau erzeugt gerade Druck?
Wie bewerte ich meine Leistung innerlich?
Wo entsteht Härte gegen mich selbst?
Welche unbewussten Werte stehen möglicherweise dahinter?
Welche Strategien habe ich entwickelt, um mit Stress oder Konflikten umzugehen?
Die Beschäftigung mit diesen Fragen kann den Blick auf die eigene Situation erweitern.
„Das klingt weniger nach klassischem Leistungscoaching und mehr nach innerer Strukturarbeit.“
Interessant, das habe ich so noch nicht betrachtet, aber ja, wahrscheinlich trifft es das besser.
Mich interessiert in der Zusammenarbeit eher weniger, wie Menschen sich noch weiter optimieren können. Mich interessiert, wie Menschen unter hoher Verantwortung innerlich stabil bleiben, ohne sich dauerhaft über Leistung definieren zu müssen.
Gerade Unternehmer oder Führungskräfte tragen oft enorme Verantwortung. Viele haben gelernt, sehr früh stark zu sein, Kontrolle zu behalten oder Erwartungen zu erfüllen. Das macht sie leistungsfähig und gleichzeitig entsteht daraus manchmal eine innere Daueranspannung, die viele Führungskräfte für normal halten und die in unserer Gesellschaft anerkannt ist.
„Was verändert sich, wenn Menschen ihre Antreiber besser verstehen?“
Das ständige Erbringen perfekter Leistung verliert häufig ihren Zwangscharakter. Menschen arbeiten weiterhin ambitioniert, übernehmen aber mehr Verantwortung für ihr eigenes Handeln als die Schuld im Außen zu suchen. Das macht einen qualitativen Unterschied im inneren Erleben und Druck verliert etwas von seiner emotionalen Schwere.
Wenn man es schafft, den eigenen Selbstwert nicht so sehr an Fehler oder Schwächen festzumachen, wird man innerlich frei. Viele beschreiben das als eine Form innerer Entlastung, obwohl sich im Außen gar nicht so viel verändert hat.
„Und was bedeutet das für gute Führung in kleinen und größeren Teams?“
Menschen übertragen ihren inneren Zustand stärker, als ihnen bewusst ist. Wer also permanent unter innerem Druck steht, erzeugt häufig auch Druck im System. Wenn wir diese Dynamiken beobachten, können wir lernen, dass Ungeduld oder Mikromanagement selten grundlos entstehen. Sie sind Ausdruck der inneren Anspannung, die sich unbewusst nach außen verlagert.
Deshalb beginnt gute Führung für mich bei der Fähigkeit, die eigene innere Dynamik wahrnehmen und regulieren zu können. Bei der Arbeit im Team gilt der Grundsatz, dass ich das Verhalten anderer Teammitglieder nur so weit verstehen kann, wie ich in der Lage bin, mir selbst bewusst zu werden, was mein Verhalten steuert. Wenn ich Verständnis habe, wird die Arbeit an Kommunikation oder Strategie wesentlich einfacher und führt zu größerem Erfolg für alle Beteiligten.
„Wenn du das Thema zusammenfassen müsstest, worum geht es im Kern?“
Der Leistungsgedanke kann problematisch werden, wenn er dauerhaft beweisen soll, was ein Mensch innerlich nicht erfüllen kann. Richtig interessant wird die Arbeit im Coaching, wenn Menschen anfangen zu verstehen, was sie wirklich antreibt und eigenständig neue Sichtweisen auf alt bekannte Herausforderungen entwickeln.

